Das goldene Vlies, Fell des goldenen Widders Chrysomeles. Foto: Carol I / photocase.com

Das Goldene Vlies

Der griechischen Mythologie zufolge raubten die Argonauten das Goldene Vlies, das einst das Fell des goldenen Widders Chrysomeles gewesen war und dem griechischen Gott Zeus geopfert wurde. Um an das Fell zu gelangen, mussten die Argonauten in das sagenumwobene, goldreiche Königreich Kolchis reisen. Kolchis liegt im Gebiet des heutigen Georgien, und so schließt sich hier der Kreis zwischen dem griechischen Mythos und den archäologischen Funden. Schaffelle wurden und werden in der Kaukasusregion von alters her verwendet, um das Gold beim Auswaschen aus den Flüssen aufzufangen.
Ausgrabungen im heutigen georgischen Wani, förderten eine Vielzahl von kunsthandwerklichen Gegenständen aus Gold zutage, die die Sagen um das goldene Königreich Kolchis stützten.
Mit der Entdeckung eines verschütteten Stollensystems im Berg von Sakdrissi im Gebirgszug des Kleinen Kaukasus, konnten Forscher des Nationalmuseums Tbilisi und des deutschen Bergbau-Museums Bochum, finanziell unterstützt durch die deutsche Volkswagen-Stiftung, unlängst die Existenz eines frühzeitlichen „industriell betriebenen“ Goldbergbaus nachweisen und ein recht konkretes Bild über Herkunft und Verbreitung georgischen Goldes sowie der Techniken zu dessen Gewinnung erstellen.

Das Bergwerk war bereits seit einigen Jahren bekannt, konnte damit aber erstmals umfassend erforscht und auf das Jahr 5000 v. Chr. datiert werden, womit es noch vor der Kolchis-Kultur einzuordnen ist. Überraschend war weniger die Erkenntnis, dass die frühzeitlichen Goldschürfer in der Lage waren, dem Verlauf der Goldadern sehr genau zu folgen und dabei ein über 70 Meter langes Stollensystem in den Berg zu treiben, sondern auch die zahlreichen Funde antiker Steinwerkzeuge.
Demzufolge drangen die Goldschürfer nicht nur mit Hilfe von steinernen Hand- und Schlagkeilen in den Berg ein. Vielmehr scheinen sie auch bereits über ausgefeiltere Techniken für den Vortrieb verfügt zu haben. So wurden zum Beispiel harte Gesteinsschichten durch Feuer erhitzt, um sie anschließend mit Wasser abzukühlen und dadurch abzusprengen. Eine Technik zur Erzgewinnung, die nicht nur eines hohen technischen Wissens, sondern auch einer arbeitsteiligen Organisation und einer differenzierten Infrastruktur bedarf.

Bestätigt wurde die Existenz einer komplexen Goldindustrie und einer sehr weit gediehenen Infrastruktur für die aufwendige Erzgewinnung und Verarbeitung außerdem durch einen Siedlungsfund in unmittelbarer Nähe des besagten Bergwerks, bei dem neben einem Ofen und einem Reibstein auch Teile menschlicher Skelette geborgen werden konnten.
Mit Hilfe eines Bodenradars konnte erstmalig eine große zusammenhängende Siedlung untersucht, ihre Mauern und Straßen geortet beziehungsweise vermessen und somit die Gesamtanlage rekonstruiert werden. Demzufolge erstreckte sich die Siedlung auf einer Fläche von ungefähr 60 Hektar und bot Lebensraum für zwei- bis viertausend Menschen.
Die Existenz des Ofens und des Reibsteins weisen im Übrigen auf eine Technik der Goldschmelze und -verarbeitung hin, wie sie auch auf Darstellungen der Goldverarbeitung im alten Ägypten gefunden wurden. Metallurgische Untersuchungen des in Georgien gefundenen bronzezeitlichen Golderzes sowie von Artefakten, die aus Anatolien und dem Gebiet des Euphrat stammen, könnten ein Hinweis sein für eine Verbindung zwischen dem Goldbergbau Georgiens und den frühzeitlichen Hochkulturen jener Regionen.

Aus der Sicht von Archäologen und Historikern bestätigen die beschriebenen Funde eine seit längerem unbestrittene Bedeutung des kaukasischen Raumes für die menschliche Entwicklungsgeschichte. So fand man an anderen Ausgrabungsstellen über 34.000 Jahre alte Flachsfasern, die offensichtlich für die Herstellung von Kleidung benutzt worden waren. An der Grenze zu Armenien wurden bei Grabungen Schädel und Knochen entdeckt, die wissenschaftlichen Analysen zufolge über 1,8 Millionen Jahre alt sind. Damit stammen die ältesten menschlichen Funde außerhalb Afrikas nachweislich aus Georgien. Ihre besondere Bedeutung erhalten diese Funde nicht zuletzt dadurch, dass sie die These von einer Besiedelung Europas über den Suez und den Nahen Osten stützen. Sämtliche beschriebenen Fundstücke sowie viele weitere bis zu 2.5 Millionen Jahre alte Werkzeuge befinden sich heute im Besitz des georgischen Nationalmuseums in Tbilisi und können dort besichtigt werden.