Georgien und das Russische Reich
Perser und Osmanen am Kaukasus
Der Zusammenbruch des Mongolenreiches hinterließ im 13. Jahrhundert in Georgien ein Machtvakuum, das die georgische Herrschaftsdynastie der Bagratiden nicht zu füllen vermochte. Zwar erholte sich Georgien zeitweilig von der Mongolenherrschaft, doch zerstörte im Jahr 1386 Timur Leng, ein zentralasiatischer Eroberer, Tbilisi. 1453 fiel Konstantinopel an die türkischen Osmanen und Georgien geriet zwischen die Fronten der Einflusssphären des Osmanischen Reiches im Südwesten und des Persischen Reiches im Südosten. Diese beiden Mächte teilten sich Georgien bzw. dessen Teilreiche in ihre jeweiligen Einflusssphären auf – mit dem Ergebnis, dass die Herrscher jener georgischen Teilreiche versuchten sich mehr Macht und Unabhängigkeit unter den neuen Lehnsherren zu verschaffen. So war es im 18. Jahrhundert der Bagratidendynastie, der auch David der Erbauer angehört hatte, gelungen, unter nominell persischer Herrschaft ein gutes Maß an georgischer Einigkeit und Selbständigkeit herzustellen. Im Jahre 1783 jedoch suchte – und fand – der georgische König Herekle II den Schutz Russlands vor den osmanischen Türken, die vor den Toren seines Reiches standen.
Mit dem Vertrag von Georgievsk zwischen der georgischen Bagratidendynastie und dem russischen Reich unter Zarin Katharina der Großen wird Georgien ein Protektorat des russischen Reiches. Als solches garantierte Russland den Schutz Georgiens, während Georgien im Gegenzug auf eine selbständige Außenpolitik verzichten musste und jeder neue georgische König der Anerkennung durch den russischen Zaren bedurfte.
Georgien als Teil des Russischen Reiches
Durch die zurückliegenden Konflikte der Großreiche auf dem Gebiet des Kaukasus war Georgien war zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich und politisch stark geschwächt. Daher konnte es keine Bedingungen mit der neuen Schutzmacht Russland aushandeln. So schaffte der russische Zar Alexander I. 1801 das georgische Königtum per Dekret ab und bis 1804 standen alle georgischen Gebiete unter russischer Herrschaft. In dieser Zeit setzte die Russifizierung Georgiens ein, das heißt es wurden russische Verwaltungsstrukturen, ebenso wie russische Adelstitel und Feudalsysteme eingeführt. Die georgische Kirche verlor 1811 ihre Unabhängigkeit und wurde fortan der russisch-orthodoxen Kirche unterstellt und die georgische Liturgie verboten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es in Georgien häufiger zu kleineren Aufständen gegen die russische Herrschaft, die jedoch alle erfolglos blieben.
Gesellschaftliche Veränderungen
Die russische Herrschaft in Georgien hatte tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Zum einen wurde der ursprünglich herrschende georgische Adeliger stark in seiner Bedeutung geschwächt. Zum anderen ergaben sich im frühen 20. Jahrhundert durch die beginnende Industrialisierung ähnliche gesellschaftliche Konflikte wie im restlichen Europa. Die Städte zogen mit Arbeitsplätzen in Fabriken die Landbevölkerung an und die Arbeiterschaft begann eine ernst zu nehmende Gesellschaftsschicht zu bilden, die ihre Vorstellungen artikulierte. Seit dem Mittelalter hatte es in den Städten Georgiens Armenische Kaufleute gegeben, die von dem Bedeutungsverlust des georgischen Adels wirtschaftlich profitiert und teilweise zu großem Reichtum gelangt waren. Die starke intellektuelle Anbindung Georgiens an Russland bedingte nun, dass die marxistischen Ideen von dort in Georgien fruchtbaren Boden fanden. Die Teile der georgischen Bevölkerung, die dem Marxismus anhingen, sahen in der reichen armenischen Oberschicht, der russischen Bürokratie, vor allem aber in der zaristischen Autokratie ihre Gegner.
1905 fanden die sozialen Spannungen der Zeit in der ersten Russischen Revolution ihren Ausdruck. In Westgeorgien revoltierten die Bauern und im gesamten Kaukasus entwickelte sich ein Generalstreik, der sämtliche industriellen Zentren der Region erfasste. Russland verhängte daraufhin das Militärrecht. Als Zugeständnis an die Arbeiterschaft verspricht der russische Zar Nikolaus II. die Einrichtung eines Parlamentes, der russischen Duma. Diese Reformen bringen dem Reich eine gewisse Ruhe.
Stalins Wirken in Georgien
Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, gegründet 1898, hatte sich 1903 in die Menschewiki, die gemäßigte Strömung, und die Bolschewiki unter Lenin, die revolutionäre Strömung aufgespalten.
Ein junger Bolschewik ist der 1878 in Gori, Georgien, geborene Iosif Vissarionovič Džugašvili. Er schließt sich 1897 mit 18 Jahren einer georgischen sozialistischen Gruppe an und steigt in der Organiation auf. Er organisiert Streiks und Demonstrationen und wird 1902 bei einer Demonstration in Batumi festgenommen. 1905 trifft er zum ersten Mal Lenin. 1907 führt er in dessen Auftrag einen Überfall auf die russische Staatsbank in Tbilisi aus, bei der er eine große Summe Geldes erbeutet, die für weitere revolutionäre Aktionen der Bolschewiki eingesetzt wird. 40 Menschen kommen dabei ums Leben. Džugašvili verlässt Georgien und geht nach Russland. Nach der Oktoberrevolution 1917, aus der die Sowjetunion hervorgeht, lässt er sich in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, nieder. 1927 wird Džugašvili zum Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und ist damit der mächtigste Mann im Land. Sein Kampfname: Stalin.


