Georgien im Mittelalter

Die Seldschuken in Georgien
Die Seldschuken waren eine Dynastie, die aus Kleinasien kamen und über den heutigen Irak und Iran Anatolien besiedelten. Zwischen 1063 und 1092 waren sie auf dem Zenit ihrer Macht und beherrschten den gesamten Vorderen Orient . In der Schlacht von Mantzikert (heute Ost-Türkei) besiegten die Seldschuken unter Sultan Alf-Arslan im Jahre 1071 die byzantinischen Truppen und drängten das Königreich Byzanz nach Westen zurück. Auf dem Gebiet der heutigen Osttürkei errichteten sie ein Sultanat .

Auf dem Weg nach Kleinasien zog Sultan Alf-Arslan auch am Kaukasus vorbei und drang 1064 durch Armenien bis nach Georgien vor. Die Seldschuken eroberten und hielten Positionen in Südgeorgien, trafen aber auf Widerstand, je weiter sie nach Norden und Westen vordrangen. Dieser Widerstand brachte die Seldschuken dazu, sich mit ihrer Hauptstreitmacht wieder gen Süden zu wenden und es kam 1071 zur bereits erwähnten Schlacht von Manzikert gegen Byzanz. Ihre eroberten Positionen in Georgien hielten sie aber. In der Folgezeit befanden sich Georgier und Seldschuken in permanenten Kampfhandlungen, in denen mal die eine, mal die andere Seite Gebietsgewinne erzielte. 1074 schließlich, nach einem militärischen Erfolg der Georgier, schickte Sultan Malik Schah große Truppenverbände nach Georgien und verheerte das Land. Die Georgier flüchteten in die höher gelegenen Regionen im Norden des Landes und so brach ab dem Jahr 1080 mit dem Sieg der Seldschuken die „Didi Turkoba“, die „Große Türkenzeit“ an.

Da die Seldschuken eine nomadische Lebensweise pflegten und von ihren Viehherden lebten, trieben sie ihre Tiere jedes Frühjahr ins georgische Kernland. Dieser jährliche Herdentrieb verhinderte, dass die Georgier die Böden bestellen konnten, sodass sich das Land in einem immer schlechteren Zustand befand. Im Jahr 1083 versuchte der Georgische König Giorgi II., die Seldschuken durch hohe Tributzahlungen von dieser Praxis abzubringen, doch der Plan schlug fehl. 1089 dankte Giorgi II. ab und krönte seinen Sohn David zu seinem Nachfolger, der unter dem Namen David IV. „der Erbauer“ in die georgische Geschichte eingehen sollte.


Das goldene Zeitalter

Doch zunächst stand Davids Herrschaft unter keinen günstigen Vorzeichen. Die Seldschuken hielten alle Gebiete rings um Georgien unter ihrer Kontrolle und trieben ihre Herden auch weiterhin durch das georgische Kernland, wodurch die georgische Wirtschaftskraft geschwächt wurde und ein Auskommen der Bevölkerung beinahe unmöglich war. Durch die jährlichen Seldschukeneinfälle mussten die Menschen immer wieder fliehen, Dörfer und Städte verwaisten. Auch im Inneren Georgiens fand David schwierige Bedingungen vor, denn regionale Fürsten intrigierten fortwährend gegen das Königtum und hatten schon seinem Vater Schwierigkeiten bereitet. Doch während König Giorgi II. die Intriganten noch mit Milde behandelt hatte, ging David härter gegen sie vor. Er exilierte Verräter und zog ihren Besitz ein, wodurch er die Macht des Königtums in Georgien stärkte und weiterem Verrat vorbeugte. Auch mit der starken Georgischen Kirche stellte sich David gut. Er stiftete Grundbesitz und ließ Kirchen und Klöster errichten. Damit versicherte er sich der Unterstützung des Klerus und hatte Einfluss auf dessen Personalpolitik. Auf diese Weise gelang es David, sich im Laufe der Zeit mit Getreuen  zu umgeben. Außerdem reformierte er das georgische Heer und konnte bald über eine Garde von 5.000 Mann und ein stehendes Heer von weiteren 60.000 Soldaten befehlen. Um die Seldschuken zu vertreiben, unterteilte er sein Heer in kleine Gruppen und ließ diese in kurzen und den Gegner überraschenden Einsätzen gegen die im Land befindlichen Seldschuken kämpfen. Mit dieser Guerillataktik konnten die Georgier den Seldschuken empfindliche Schläge beibringen und sie nach und nach zurücktreiben.

Nachdem das georgische Kernland von den Seldschuken befreit worden war, ging David daran, die außerhalb seines Herrschaftsgebietes liegenden aber ursprünglich georgischen Territorien wieder mit dem Kernland zu vereinen. Dabei half ihm die geschichtliche Großwetterlage: der 1096 begonnene erste Kreuzzug hatte die Seldschuken stark unter Druck gesetzt und ihnen empfindliche Verluste beigebracht. Außerdem kam es unter den Seldschuken zu Streit und Zerwürfnissen. Diese Situation nutzte David, um die georgischen Tributzahlungen an die Seldschuken einzustellen. Inzwischen ging er nun auch mit seinem Heer gegen seldschukische Vasallenstaaten vor und zog Richtung Tbilisi. Die islamische Oberschicht der Stadt, welche sich lange Zeit unter arabischer Herrschaft befunden hatte, war durch Davids Vormarsch alarmiert und rief die Seldschuken zur Hilfe. 1121 trafen die Heere in der Schlacht am Berg Didgori, etwa 40 Kilometer südwestlich von Tbilisi, aufeinander . Da das seldschukische Heer dem georgischen zahlenmäßig stark überlegen gewesen sein soll, ist die Schlacht, die mit dem Sieg der Georgier endete, unter dem Namen „Dslewaj sakwirweli“, „wunderbarar Sieg“ in die Geschichte des Landes eingegangen.

1122 fiel schließlich Tbilisi an die Truppen Davids und er machte die Stadt wieder zur Hauptstadt Georgiens. 1124 wehrte er einen Angriff der Seldschuken auf Georgien  ab und als David 1125 starb, hatte er in den 36 Jahren seiner Herrschaft das Land geeint und zu einem gefestigten Staat geformt.  

Das eigentliche „goldene Zeitalter“ aber hatte seinen Höhepunkt erst zwei Generationen später: Königin Tamar erntete in der Zeit ihrer Regentschaft von 1184-1213 die Früchte, die David IV. „der Erbauer“ gesät hatte. Sie änderte das georgische Staatswesen, indem sie den Thronrat, den Darbasi, stärkte und die Todesstrafe abschaffte. Unter Königin Tamar blühten Handwerk und Handel und Georgiens Städte erlebten eine Zeit des Wohlstandes. Allerdings regten sich auch die regionalen Adeligen  und ihre erste Ehe mit dem russischen Prinzen Jouri verlief kinderlos, sodass diese geschieden und der Prinz nach Byzanz exiliert wurde. Damit aber wollte Jouri sich nicht abfinden: er kehrte zurück und konnte eine Reihe westgeorgischer Regionalfürsten zum Aufstand bewegen, der jedoch erfolglos blieb. Die Königin Tamar meisterte diese innenpolitischen Herausforderungen mit ebenso fester Hand, mit der sie auch den auftretenden außenpolitischen Bedrohungen durch verschiedene Seldschukenangriffe begegnete. Unter ihrer Herrschaft wurde Georgien zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Region, zu einem der christlichen Königreiche dieser Ära. Architektur und Literatur Georgiens erlebten eine Blüte. Klosterschulen erteilten Unterricht und trieben die Bildung voran. Auch die Herrscherfamilien waren mehrheitlich hoch gebildet. In dieser Zeit entstand das Epos „Der Recke im Pantherfell“ von Schota Rustweli, das die europäischen Vorstellungen von Ritterlichkeit, Liebe und Freundschaft in 1.600 Versen beschreibt und auf das auch später noch viele georgische Werke zurückgriffen.     

Nach Tamars Tod gelingt es ihren Nachfolgern nicht, das goldene Zeitalter weiter auszudehnen. Einem Jahrhundert der Freiheit, Einheit und der Blüte Georgiens folgte mit dem Einfall der Mongolen 1235 wieder eine Zeit der Fremdherrschaft. Nachdem Georgien im mongolischen Reich zur Provinz degradiert worden war und sich in der Zeit von 1259 bis 1330 mehrfach erfolglos gegen die mongolische Herrschaft aufgelehnt hatte, geriet es nach dem Niedergang der Mongolen in den Herrschaftsbereich der Perser und der Osmanen. Das Königreich Georgien zerfiel in den 1460er Jahren erneut in kleinere Fürstentümer. Durch die Osmanen, die das Schwarze Meer abriegelten, von den christlichen Königreichen des Westens abgeschnitten,  näherten sich die Herrscher der georgischen Teilfürstentümer zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihrem einzigen christlichen Nachbarn – dem erstarkenden Russland.