- Das georgische Parlamentsgebäude
Die Zeit nach der Sowjetunion
Die Unabhänigkeit von der Sowjetunion
Nationalistische Bestrebungen waren in Georgien nie ganz verschwunden. Selbst als Georgien Teil der Sowjetunion war, konnte eine vollkommene kulturelle Assimilierung Georgiens in den Sowjetstaat nie erreicht werden. So scheiterte 1978 der Versuch der Moskauer Führung, das Russische zu Lasten des Georgischen als Staatssprache in der georgischen Verfassung zu verankern an Massendemonstrationen in Tbilisi.
Der Drang nach Unabhängigkeit nahm Ende der 1980er Jahre zu, als die politischen Reformen in der Sowjetunion, die Perestroika, die Zentralmacht in Moskau beschäftigten. Der Reformer Michail Gorbatschow hatte den damaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei und de facto Führer des georgischen Teilstaates der Sowjetunuion, Eduard Schewardnadse, zum Außenminister der Sowjetunion berufen. Den frei werdenden Stuhl in Georgien besetzte mit Jumber Patiaschwili ein eher konservativer Apparatschik, der die Zeichen der Zeit nicht erkannte und somit den nationalistischen Kräften in Georgien indirekt in die Hände spielte. Es kam zu Demonstrationen im ganzen Land.
Im April 1989 hatte die Protestwelle ihren Höhepunkt erreicht, als sich bei einer Massendemonstration in Tbilisi eine Tragödie ereignete, die den weiteren Verlauf der Geschichte maßgeblich beeinflussen sollte. Am 4. April versammelten sich zehntausende Demonstranten in Tbilisi und harrten vor dem Regierungsgebäude am Rustaveli Boulevard aus. Da Jumber Patiaschwili nicht in der Lage war, die Ordnung wieder herzustellen, rief er sowjetische Truppen zur Hilfe. Am 9. April zerschlug die Rote Armee die Demonstration unter Einsatz von Giftgas. 20 Demonstranten ließen ihr Leben.
Das harte Vorgehen der sowjetischen Zentralgewalt bestärkte die Menschen noch in ihrem Freiheitsdrang, sodass Demonstrationen und Streiks unvermittelt weitergingen. Bei den ersten Mehrparteienwahlen zu Georgiens Oberstem Sowjet erlangte im Oktober 1990 folgerichtig eine Koalition um einen der Anführer der Proteste, Swiad Gamsachurdia, eine große Mehrheit. Gamsachurdia organisierte umgehend ein Referendum über die Unabhängigkeit Georgiens, in dem sich am 31. März 1991 98% der Georgier für die Unabhängigkeit aussprachen. Am 9. April 1991 erklärte sich Georgien als von der Sowjetunion unabhängig.
Die Präsidentschaft Gamsachurdias und Sezessionskonflikte
Swiad Gamsachurdia, einer der Anführer der nationalistischen Proteste, die zu Georgiens Unabhängigkeit geführt hatten, wurde bei der Präsidentschaftswahl am 26. Mai 1991 mit 86% der Stimmen zum ersten Präsidenten des unabhängigen Georgiens nach der Sowjetzeit gewählt. Allerdings gelang es ihm nicht, das junge Land zu stabilisieren. Im Gegenteil, es kam schnell Kritik an seinem Führungsstil auf, der als autokratisch und undemokratisch beschrieben wurde. Es formierte sich rasch eine Opposition aus ehemaligen Weggefährten der nationalistischen Bewegung. In einer unsicheren Gemengelage, in der Waffen aus Sowjetbeständen quasi frei verfügbar waren, kam es am 22. Dezember 1991, keine 7 Monate nach seiner Wahl, zu einem bewaffneten Aufstand unter Mitwirkung von Teilen der georgischen Streitkräfte gegen Gamsachurdia, der über viele Stationen in die russische Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus floh, wo er 1993 starb.
Der georgische Staatsrat, das Führungsgremium der Putschisten, holte im März 1992 Eduard Schewardnadse als Vorsitzenden und quasi-Präsidenten zurück nach Georgien. Doch auch unter Schewardnadse kam Georgien nicht zur Ruhe. 1992 erklärte sich Abchasien für von Georgien unabhängig. Schewardnadse entsandte die Nationalgarde, die jedoch nach blutigen Kämpfen von abchasischen Truppen zurückgeschlagen wurde. Es kam zu ethnischen Säuberungen in Abchasien. 250.000 ethnische Georgier mussten Abchasien verlassen, geschätzte 10.000 kamen ums Leben.
1993 kam es im Westen Georgiens zu bewaffneten Aufständen von Anhängern Gamsachurdias, die durch eine Intervention Russlands auf Seiten der Regierung Georgiens und dem Tod Gamsachurdias im Dezember 1993 endete. Doch als Preis für die militärische Hilfe trat Georgien der Gemeinschaft Unabhäniger Staaten bei, der von Russland dominierten Nachfolgeorganisation der Sowjetunion. Für diese Entscheidung wurde Schewardnadse im eigenen Land heftig kritisiert.
Korruption und wirtschaftliche Stagnation
Nachdem 1995 das Präsidentenamt offiziell wieder eingeführt worden war, wurde Eduard Schewardnadse zum Präsidenten Georgiens gewählt. Während seiner weiteren Regierungszeit, Schewardnadse wurde im Jahr 2000 wiedergewählt, näherte sich Georgien politisch weiter an den Westen an, wurde Mitglied im Europarat und strebte nach der Mitgliedschaft in EU und NATO. Allerdings ist seine weitere Regierungszeit auch mit Korruption und wirtschaftlicher Stagnation verknüpft, die die Bevölkerung verarmen ließ. Die Energieversorgung des Landes brach zusammen, die Arbeitslosigkeit erreichte Höchstwerte, die Korruption nahm mafiöse Ausmaße an.
So kam es zu einem Erstarken oppositioneller Gruppen. Diese wurden von jungen Politikern wie Michail Saakaschwili und Nino Burschanadse angeführt, die für einen wirtschaftlichen und politischen Neuanfang für Georgien kämpften. Als es im Herbst 2003 bei den Parlamentswahlen zu Unregelmäßigkeiten kam, erreichten die Proteste der Opposition in der friedlichen „Rosenrevolution“ ihren Höhepunkt, die die Abdankung Schewardnadses und demokratische Neuwahlen zur Folge hatte.

