Bild des georgischen Malers Niko Pirosmani

Traditionelles Handwerk verbindet sich mit modernem Kunstverstand

In den darstellenden und bildenden Künsten Georgiens verbinden sich über Jahrhunderte gewachsene eigene Traditionen mit internationalen Einflüssen zu einem facettenreichen Bild, das zu einem wichtigen Teil auch die georgische Identität prägt.

Die Malerei: Vom Kunsthandwerk zur Landschaftsmalerei
Über Jahrhunderte hinweg verstand man die Malerei eher als Kunsthandwerk denn als Kunst. So diente sie beispielsweise in der Buchmalerei der Darstellung von Szenen religiösen Inhalts. Oder es wurden Herrscher als Fresken- und Ikonenmalerei in öffentlichen Gebäuden abgebildet. Auch die Fassaden und Innenräume von Kirchen und Klöstern zierten häufig religiöse Darstellungen und Herrscherbildnisse von Königen und Fürsten.  Meistens zeigten die Wandmalereien die weltlichen oder geistlichen Personen, die die Bauwerke errichten ließen. Während des 10. und 14. Jahrhunderts nahm die Zahl der Freskenmalereien stark zu. Als Blütezeit gilt der Zeitraum zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert.  Die Gemälde des königlichen Hofmalers Tewdore aus dem 12. Jahrhundert sind besonders außergewöhnlich . Die Wandmalereien aus dem 8. und 9. Jahrhundert hingegen sind in großen Teilen verloren gegangen oder nur noch in kleinen Ausschnitten an einigen Denkmälern erhalten.  Häufig wurden die Wandmalereien über die Jahre hinweg erweitert, übermalt oder sind durch Kriege zerstört worden wie im 13. Jahrhundert beim Einfall der Mongolen oder während der Eroberung von Byzanz durch die Osmanen.

Erst spät im 19. Jahrhundert, bildete sich eine Landschafts- und Porträtmalerei nach westeuropäischem Verständnis heraus. Einer der ersten bekannteren weltlichen Maler in Georgien war Niko Pirsmanischwili (1862 – 1918). Er erlebte das Schicksal des typischen Bohemiens – seine Bilder wurden erst nach seinem Tod berühmt und wertvoll. Man vermutet, dass er bis zu 2.000 Werke geschaffen hat, von denen allerdings nur 200 erhalten sind.

Ihre Ausbildung erhielten die georgischen Maler im 19. Jahrhundert vorwiegend an den Akademien der Künste in Sankt Petersburg oder in Moskau. Dort kamen sie mit Künstlern anderer Nationen zusammen. Einer von ihnen war der in Georgien geborene deutsche Oskar Schmerling, der sich an der Petersburger Akademie mit den georgischen Künstlern Romanz Gwelesiani und Gigo Gabaschwili anfreundete.

Neben Schmerling waren die deutschen Maler Theodor Horschelt und Paul von Franken in Georgien künstlerisch aktiv. Horschelt verbrachte insgesamt fünf Jahre im Kaukasus und reiste während dieser Zeit auch durch Georgien. Dabei entstanden zahlreiche Skizzen, Zeichnungen und Aquarelle, die detailliert und anschaulich vom alltäglichen Leben der Georgier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählen. Von Franken hingegen hinterließ eine Reihe beeindruckender Landschaftsbilder von der mannigfaltigen Natur des Kaukasus. 

Umgekehrt haben sich georgische Maler bereits im 19. Jahrhundert auch in Deutschland aufgehalten. So studierte Giorgi Gabaschwili (1862 – 1936) 1893 und 1894 an der Akademie der Künste in München.

Ab dem 19. Jahrhundert  übernahmen die georgischen Maler die Maltechniken und Motive der je aktuellen stilistischen Strömungen und Moden: Realismus, Symbolismus, Romantik – und sogar Elemente der Pop-Art finden sich wieder.  Viele georgische Maler, deren Werke die nationale Kunstszene immer noch prägen, arbeiteten in den 1920er und 1930er Jahren in Paris und London, so zum Beispiel Elene Achwlediani (1901 – 1975) und Dawit Kakabadse (1889 – 1952).  

Bekannte zeitgenössische Maler der Gegenwart sind Otar Laliaschwili, Otar Tschartischwili, David Arobelidse und die Geschwister Otar und Beschad Schwelidse.


Film: Der georgische Film erlangt internationale Berühmtheit
Um 1900 existierten mehrere Filmtheater in Georgien. Der erste georgische Film wurde 1912 gedreht. Tbilisi war neben St. Petersburg die einzige Stadt im russischen Reich, in der Filme produziert wurden. In den 1920er Jahren erlebte die georgische Filmproduktion ihre erste Blütezeit. Obwohl während der Sowjetzeit Filme, die als politisch kritisch galten, der Zensur zum Opfer fielen, wurden zwischen den 1960er und 1980er Jahren jährlich bis zu 60 Filme produziert.  So stammte auch der erfolgreichste georgische Film aus dieser Epoche: „Die Reue“ von Tengis Abuladze. Der Film gewann 1987 sechs Preise bei den Filmfestspielen in Cannes.

Heute hat der georgische Film international einen sehr guten Ruf. Bei internationalen Filmfestspielen in Cannes, Venedig, Brüssel, San Sebastián oder Berlin haben georgische Filme zahlreiche Auszeichnungen erhalten. 1996 wurde „1001 Rezepte eines verliebten Kochs“ der georgischen Regisseurin Nana Djordjadze, die in Berlin lebt, sogar für einen Oscar nominiert.

Weil die Filmproduktion unter finanziellen Engpässen litt, hat das Kulturministerium 2001 das Nationale Zentrum für Cinematographie gegründet, das für die staatliche georgische Filmförderung zuständig ist. Um die Filmbranche zu fördern, findet außerdem seit 1999 jährlich ein internationales Filmfest in Tbilisi statt.

Zentrum der georgischen Filmindustrie sind die Kartuli-Film-Studios am Rande von Tbilisi. Filme, die dort während der Sowjetzeit entstanden, wurden zunächst in georgischer Sprache gedreht und erst im Anschluss ins Russische synchronisiert. Zu Beginn der 1990er Jahre produzierten die Kartuli-Film-Studios und der Saarländische Rundfunk die erste deutsch-georgische Koproduktion „Elsa“ – eine tragische Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Georgier in der Zeit der politischen Umbrüche 1989. In Tbilisi ist darüber hinaus die georgische Filmhochschule angesiedelt, die Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler ausbildet.

Mittlerweile arbeiten zahlreiche georgischen Regisseure und Schauspieler auch im Ausland – hauptsächlich in Frankreich.


Literatur: Von Heldensagen zur nationalen Moderne

Mit der Verbreitung des Christentums im Verlauf des 5. Jahrhunderts auf georgischem Territorium, kamen auch religiöse Schriften auf. Biblische Werke wurden aus dem Griechischen, Syrischen, Hebräischen und dem Armenischen übersetzt. Die ältesten Übersetzungen stammen aus dem 6. Jahrhundert – als erster überlieferter Text gilt  das Martyrium der Heiligen Schuschaschnik. Chroniken und historische Darstellungen folgten.

Mündliche Überlieferungen spielten in der georgischen Literatur in der Vergangenheit eine große Rolle. Bis ins 20. Jahrhundert wurde „Der Recke im Tigerfell“ von Generation zu Generation weitergegeben: ein Heldengedicht, das aus der georgischen Literatur als Nationalepos herausragt. Ursprünglich verfasste Schota Rustaweli das Werk zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Durch die mündlichen Überlieferungen über die Jahrhunderte hinweg kamen immer neue Verse und Strophen dazu. Daneben wurden ab dem 15. Jahrhundert verschiedene Versionen von „Der Recke im Tigerfell“ niedergeschrieben. König Wachtang VI. von Kartli, der 1709 die erste Druckerei auf georgischem Boden erbauen ließ, soll 1712 den ersten Auftrag zum Druck des Heldenepos gegeben haben. Der König versuchte, durch die Verbreitung des Drucks die ursprüngliche Fassung des Heldengedichts wiederherzustellen.

„Der Recke im Tigerfell“ fällt in die Blütezeit der georgischen Kultur im Mittelalter, in der weitere Ritterromane und Heldensagen entstanden. Mit den Sagen wurden die Heldentaten der Herrscher gepriesen und den nachfolgenden Generationen übertragen. In der Zeit verbreiteten sich auch Übersetzungen philosophischer Schriften aus der Antike, wie Aristoteles und Platon.

Im 17. Jahrhundert beeinflusste die Besatzung der Perser die georgische Literatur.  Ab dem 18. Jahrhundert begannen die georgischen Autoren sich an nationalen und folkloristischen Themen zu orientieren. Angestoßen wurde diese Entwicklung durch den Dichter Dawit Guramischwili (1705-1792), der während eines Deutschland-Aufenthalts (Gefangenschaft in Preußen)  mit den damaligen europäischen philosophischen und politischen Bewegungen in Berührung kam und in seinem autobiographischen Werk „Davitiani“ verarbeitet hat. Es spiegelt die Sehnsucht der Georgier, vereint in einem Staat Georgien zu leben. Ständig wechselnde Besatzungen aus Persien oder der Türkei sowie die Zersplitterung der georgisch-stämmigen Bevölkerung über verschiedene Herrschaftsgebiete schienen zum damaligen Zeitpunkt Georgiens Schicksals zu besiegeln. In seinem Werk „Das Elend Kartlis“ nimmt er diese Thematik auf und hält gleichzeitig dem georgischen Volk kritisch den Spiegel vor.

Auch die Romantik hielt im 18. und 19. Jahrhundert Einzug in die georgische Dichtkunst. Der Dichter Besarion Gabaschwili (1750-1791) – auch Besiki genannt – war einer der wichtigsten Vertreter dieser Epoche und berühmt für seine Liebesgedichte.  

Politische Themen hatten in der Literatur allerdings weiterhin Bestand. So übersetzte der georgische Schriftsteller Giorgi Eristawi (1813-1864) Werke von Friedrich Schiller ins Georgische, um seine politischen Ideen vom zukünftigen Staatsaufbau zu verbreiten. Mit der zunehmenden Besetzung Georgiens durch das russische Zarenreich nahm das Streben der Georgier nach sozialer und nationaler Freiheit immer mehr zu.

Den Anschluss an europäische Traditionen hatte die georgische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefunden. 1915 schloss sich in Tbilisi eine Gruppe junger georgischer Schriftsteller zu den „Blauen Hörnern“ zusammen. Sie wollten die georgische Literatur erneuern und experimentierten mit Elementen des Symbolismus und Dadaismus. Einige von ihnen hatten in Europa studiert. Mit der sowjetischen Besatzung gerieten die Mitglieder der „Blauen Hörner“ immer mehr unter Druck. Sie wurden politisch verfolgt und einige wanderten aus.

Andere Schriftsteller, die bei den „Blauen Hörnern“ aktiv waren, setzten sich trotzdem immer intensiver mit sozialen und politischen Entwicklungen auseinander. Einer der beliebtesten Dichter war Galaktion Tabidse (1892-1959).

Mittlerweile hat sich die georgische Literatur größtenteils wieder von ihren europäischen Vorbildern gelöst.  Bedeutende Autoren der Gegenwart sind Aka Mortschiladse und Dawit Turaschwili. Darüber hinaus erfreut sich der georgisch-stämmige Krimiautor Grigori Tschchartischwili in Russland größter Beliebtheit. Er publiziert unter dem Pseudonym Boris Akunin und lässt den Agenten Fandorin seit fast 10 Jahren seine Kriminalfälle lösen.


Theater: Klassiker auf den Bühnen georgischer Theater

In der Antike stand das Theater im Gebiet des heutigen Georgiens unter dem Einfluss der Griechen. Im Mittelalter war das Maskentheater – Sachioba – sehr beliebt. Es diente in den Palästen zur Unterhaltung der Herrscher. Das Maskentheater hatte aber auch eine politische Bedeutung: Auf Marktplätzen wurden mit patriotischen Stücken die nationalen Gefühle in der Bevölkerung angeheizt, um sie gegen Besatzer, wie z.B. die Türken aufzuwiegeln.

Nationale Unabhängigkeit und das Streben nach Freiheit setzen sich als vorherrschende Themen auf den Theaterbühnen durch. Hier zeigte sich der Einfluss deutscher Dramen. So wurden Ende des 18. Jahrhunderts Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ und „Die Räuber“ übersetzt und aufgeführt. Schillers Figuren verkörperten für das georgische Publikum Unabhängigkeits- und Freiheitsdrang.   1791 wurde in Tbilisi das Georgische Nationaltheater gegründet. Das moderne dramatische Theater des 20. Jahrhunderts  geht auf die Schauspieler und Regisseure Kote Mardshanischwili und Sandro Achmeteli zurück. Nach dem Tod Mardshanischwilis erhielt das von ihnen gegründete Theater in Tbilisi dessen Namen. Mardshanischwili und Achmeteli wurde in den 30er Jahren eine antisowjetische Haltung vorgeworfen, woraufhin Achmeteli 1937 hingerichtet wurde, während Mardschanischwili bereits 1933 eines natürlichen Todes gestorben war.

In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gelangte das georgische Theater zu internationalem Ansehen. Als Theatermacher von Bedeutung in der heutigen Zeit sind in erster Linie Robert Sturua und Mischa Tumanischwili. Sturuas Shakespeare-Inszenierungen sorgten in Europa – vor allem in England – und in den USA schon in den 1970er und -80er Jahren für Furore. Seine Inszenierung von „King Lear“ wurde 1990 in New York aufgeführt. Sturua war es auch, der bereits 1975 „ Der kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht am Rustaweli-Theater in Tbilisi aufführte: eine kritische, bildliche Darstellung der Vereinnahmung Georgiens durch die sowjetische Diktatur.

Mittlerweile zieht das Internationale Theaterfestival jährlich einmal Theaterschaffende aus dem Ausland nach Tbilisi.