Frühe Kirchenentwicklung
Fast zwei Drittel der Georgier sind bekennende orthodoxe Christen und Angehörige der Georgisch-Orthodoxen Apostelkirche.
Die Ursprünge des Christentums in Georgien
Der Überlieferung nach wurden die Bergvölker des Kaukasus im 4. Jhd. n.Chr. zum christlichen Glauben bekehrt. Bis dahin gehörten sie heidnischen Natur- und Stammesreligionen an.
Aus archäologischen Funden aber geht hervor, dass es auf dem Gebiet des heutigen Georgien schon im 2. Jahrhundert n. Chr. Glaubensgemeinschaften christlichen Ursprungs gegeben hat. Der Legende nach gehen sie auf die Apostel Simon und Andreas zurück, die im Zuge der beginnenden Christianisierung in den südlichen Kaukasus gekommen waren, die Region zu missionieren.
Die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion auf georgischem Boden im 4. Jhd. n. Chr., geht Überlieferungen zufolge auf zwei Ereignisse zurück: Auf der Flucht vor den Römern nach Mzcheta, der Hauptstadt des damaligen ostgeorgischen Reiches Kartli, hatte die Syrerin Nino, der besondere Heilkräfte nachgesagt wurden, die schwer kranke Frau des georgischen Königs Mirian, die Königin Nana, wieder gesund gemacht und sie zum Christentum bekehrt. Ein weiteres Wunder, so heißt es, geschah, als König Mirian sich bald nach der Genesung seiner Frau während einer Jagd böse verirrt hatte. Als er ein Gebet zu Jesus Christus sandte ihm zu helfen, wies der ihm und seiner Gefolgschaft den rechten Weg.
Aus Dankbarkeit für die zweifache Hilfe in so großer Not ließ Mirian Mitte des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erklären und bat im gleichen Zuge Kaiser Konstantin I. von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, um die Entsendung weiterer Missionare. Schon im 5. Jahrhundert wurde das georgische Christentum als Kirche eigenständig.
Nino – Wunderheilerin und Glaubensbotin
Nachdem Nino (auch Nina, Nona oder Christiana genannt) die Königin Nana geheilt hatte, zog sie in das heutige Ostgeorgien (Kachetien) weiter, um auch dort den christlichen Glauben zu verkünden. Sie verstarb wahrscheinlich um 330 n. Chr. in Bodbe, wo König Mirian ihr zu Gedenken eine Kirche errichten ließ. Das Grab der Heiligen Nino befindet sich im Kloster von Bodbe.
Die georgisch-orthodoxe Kirche im Kampf um die Unabhängigkeit
Erst mit der Eroberung Ostgeorgiens und der Unterwerfung der restlichen georgischen Fürstentümer durch das russische Zarenreich ab 1810 wurde die georgisch-orthodoxe Kirche der russisch-orthodoxen Kirche unterstellt. Altkirchenslawisch ersetzte fortan das Georgische als Liturgiesprache. Mit der Russischen Revolution erklärte sich die georgisch-orthodoxe Kirche 1917 abermals für unabhängig. Offiziell anerkannt wurde die Eigenständigkeit der georgischen Kirche jedoch erst 25 Jahre später: Erst 1942 akzeptierte der Moskauer Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Sergius von Nischni Nowgorod die religiöse Unabhängigkeit der Georgier.
Die georgisch-orthodoxe Kirche heute – eine Sonderrolle in System
Die Georgisch-Orthodoxe Apostelkirche ist die Glaubensgemeinschaft, der mit etwa 75% die meisten Georgier angehören. Sie hat 2002 als einzige Religionsgemeinschaft Georgiens eine besondere Position im Staat erhalten , indem sie durch einen Staatsvertrag von der Steuerpflicht entbunden wurde.
Andere Glaubensgemeinschaften unterliegen dem Privatrecht und müssen sogar auf Spenden und Hilfsleistungen Abgaben und Steuern entrichten.
Da die Georgisch-Orthodoxe Apostelkirche Verfassungsrang hat, darf das Kirchenoberhaupt (Patriarch) bei den offiziellen Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag neben der Regierung Platz nehmen. Der Patriarch erteilt ferner dem Parlament zu Beginn jeder Legislaturperiode den kirchlichen Segen. Er hat seinen Amtssitz in Tbilisi. Dort befindet sich auch das Priesterseminar der georgisch-orthodoxen Kirche, in dem die Priester seit der Unabhängigkeit 1991 auch wieder in der georgischen Liturgiesprache ausgebildet werden.
Religiöse Vielfalt im Vielvölkerstaat
Fast zehn Prozent der Einwohner Georgiens sind Moslems. Diese relativ große Zahl hängt damit zusammen, dass die Bewohner der georgischen Teilrepublik Adschariens während der osmanischen Herrschaft zwischen dem 16.und 18. Jahrhundert zum Islam übergetreten waren. Der armenisch-gregorianischen Kirche gehören ungefähr vier Prozent an, während sich weniger als ein Prozent auf katholische Glaubensgemeinschaften (armenisch-, römisch- und chaldäisch-katholisch) verteilt. Ein noch geringerer Teil der Bewohner Georgiens bekennt sich zum Protestantismus und den Zeugen Jehovas. Bei den jüdischen Gemeinden lassen sich europäische und georgische Juden unterscheiden; beide Gruppen unterhalten Synagogen in Tbilisi, Kutaisi und Batumi. Nach der Unabhängigkeit 1991 sind allerdings viele Juden nach Israel ausgewandert, ohne aber die enge Verbindung zu ihren Glaubensgenossen in Georgien aufzugeben.


